Buchkritik: Technikgeschichte mit fischertechnik

Drehschemellenkung mit geteilter Achse aus fischertechnik
Fahrzeuglenkung mit Drehschemel aus fischertechnik (Foto: C. Krause)

Auf genau so ein Buch habe ich lange gewartet. Endlich ein Buch zum Thema „fischertechnik“. Meines Wissens das Erste seiner Art, abgesehen von einigen didaktischen Ratgebern aus den 70-er- und 80-er-Jahren. Über das „Konkurrenz“-Baukastensystem LEGO-Technik sind zwar in den letzten Jahren einige Bücher erschienen, aber die meisten widmen sich der Mindstorms-Roboter-Serie (siehe z.B. auch LEGO-Roboter).

Voller Erwartungen habe ich also nach den Ankündigungen das vorliegende Buch vorbestellt und gespannt sein Erscheinen abgewartet. Und da ist es nun, fast druckfrisch:

Bauen, erleben, begreifen:
Technikgeschichte mit Fischertechnik
16 Meilensteine zum Nachbauen
von Dirk Fox und Thomas Püttmann
350 Seiten
ISBN 978-3-86490-296-3
ca. 27.- EUR

Das Erste seiner Art  
16 Meilensteine haben sich also die beiden Autoren ausgesucht und nachgebaut. Der Untertitel „bauen, erleben, begreifen“ verspricht genau, was ich mir gewünscht habe: Modelle, die wir in der Schule nachbauen können und somit in ihrer Funktion und Wichtigkeit für die technische Entwicklung besser verstehen. Hohe Erwartungen! Also, mal sehen, ob das Buch diese auch wirklich erfüllen kann.

Die Meilensteine
Bestimmt war es schwierig, sich auf die 16 Maschinen zu einigen, die man im Buch vorstellen möchte. Die Auswahl erscheint mir auf den ersten Blick recht willkürlich und wenig im inhaltlichen Zusammenhang stehend. In der Reihenfolge der Kapitel sind es:

  • Flaschenzug
  • Getriebe
  • Differenzialgetriebe
  • Uhr
  • Planetarium
  • Rechenmaschine
  • Sextant
  • Dampfmaschine
  • Achsschenkellenkung
  • Elektromotor
  • Telegraf
  • Normalzeit
  • Film
  • Raupenfahrzeug
  • Radar
  • Hubschrauber

Die Modelle
Eins schon mal vorweg: Die Nachbauten der Meilensteine sind großartig, technisch mit viel Finesse umgesetzt und perfekt. Ich fühle mich erinnert an die LEGO-Technik Modelle, die es im oberen Preissegment zu kaufen gibt. Technisch perfekt bis ins letzte Detail. Nachgebaut nach genauer Anweisung ergibt sich ein – auch optisch – hervorragendes Modell – das dann zum Angucken und Anstauben doch nur ins Regal wandert.
Als Beispiel seien hier das Planetarium, die Synchronuhr oder die Rechenmaschine aus dem Buch genannt. Und es sieht auch danach aus, dass man wohl viel fischertechnik benötigt, bzw. viele Exemplare bestimmter Bausteintypen.
Ach ja, auf der zum Buch gehörenden Webseite sind viele Modelle mit digitale Bauanleitungen hinterlegt. Man muss dafür allerdings eine entsprechende Software installieren. Einfache PDF-Anleitungen liegen leider nicht vor.

Die Beschreibungen
Jedes Kapitel hat für mich den Charme einer wissenschaftlichen Abhandlung bzw. historischen Aufarbeitung der entsprechenden technischen Errungenschaft. Es wird viel zitiert und mit Quellenangaben hinterlegt. Gleichzeitig werden auch Kenntnisse der fischertechnik-Szene vorausgesetzt. Man sollte beispielsweise schon wissen, was mit „hobby 2, Band 4“ gemeint ist oder wenn von „einem Z30 auf einer I-Strebe 45“ die Rede ist. Und idealerweise hat man die zitierten Unterlagen auch zur Hand. Gut, dass man hier auch im Internet fündig werden kann. Die meisten Quellen sind ja über 30 Jahre alt und entsprechend digitalisiert zu finden.

Leidenschaft und Herzblut
Wow, die Recherchearbeit zu jedem Kapitel ist bewundernswert. Viel alte Grafiken, Fotos und Literaturquellen werden aufgeführt. Die Herleitungen und Erläuterungen sind durchaus spannend und man merkt, dass die beiden Autoren viel Zeit, Leidenschaft und Herzblut in die Themen investiert haben. Sie haben viele Details zusammengetragen und wollen dieses Wissen – und vielleicht auch diese Leidenschaft – gern weitergeben.
Aber es tut mir leid, bei manchen Themen bin ich beim Lesen einfach ausgestiegen – ich konnte den Erläuterungen nicht mehr folgen. Und ich muss gestehen: Ich hatte auch keine Lust, mich da so tief rein zu fuchsen. Das war mir einfach zu viel.

Die Wege zum Ziel
Oft beginnt ein Kapitel zwar mit einfachen (fischertechnik-)Modellen, wird dann aber schnell komplexer und entfernt sich auch von den reinen Modellen. Mit vielen Formeln und Berechnungen wird versucht, eine möglichst umfassende Beschreibung abzuliefern. Und dann die Modelle möglichst perfekt umzusetzen. Ich habe mich immer wieder gefragt:
Wer ist die Zielgruppe, die die Autoren im Sinn hatten, als sie das Buch geschrieben haben?  Was kann ich davon wohl in der (Grund-)Schule verwenden? Habe ich die ganzen Teile, um das alles nachzubauen? Und ich habe wirklich nicht gerade wenig fischertechnik im Keller…

Zusammenfassung und Bewertung
Hm, schwierig bei diesem Buch. Aber es wird vielleicht einfacher, wenn ich die meine Kriterien der Reihe nach durchgehe. Und immer vor dem Hintergrund: Wie gut kann ich es für die Vorbereitung von Forscherstunden für Kinder verwenden?

Materialaufwand: 1 von 5 Punkten
Keine Überraschung, man braucht bei den „Experimenten“ fischertechnik – viel fischertechnik! Und wenn man dann in der Klasse auch noch mehrere Modelle bauen wollte, müsste man nachbestellen und das wird teuer.
Klar, man könnten einige Modelle auch anders bauen, aber dann müssen auch wieder viele alternative Teile bereitgestellt werden.

Versuchsbeschreibung: 1 von 5 Punkten
Schritt-für-Schritt-Anleitungen findet man in diesem Buch leider nicht. Wie gesagt, es erinnert mehr an eine wissenschaftliche Abhandlung als an eine Anleitung zum Nachbauen. Hier ist also viel Aufwand notwendig, um es auf kindertaugliches Niveau runterzubrechen.

Praxistauglichkeit:  2 von 5 Punkten
Ich setzte hier einfach voraus, dass die Nachbauten ihre Funktion auch erfüllen. Ich kann leider nicht aus eigener Erfahrung sprechen, da ich bisher keines der Modelle nachgebaut habe. Aber aus der Erfahrung meiner bisherigen Kurse kann ich sagen, dass Kinder im Rahmen der Forscherkurse solche Modelle nicht nachbauen könnten.

Erklärung: 2 von 5 Punkten
Hier fällt es mir schwer, Punkte zu vergeben. Sicher die Erläuterungen sind umfangreich und detailliert, aber verständlich? Für welche Zielgruppe? Auch hier wäre eine umfangreiche Aufarbeitung notwendig, um sie in der Schule zu verwenden.

Grafik/Fotos: 3 von 5 Punkten
Gute Fotos der fischertechnik-Modelle, viele spannende Grafiken und Zeichnungen. Abzug gibt es nur, da man fast kein Modell problemlos nachbauen könnte. Insbesondere wenn man mit der fischertechnik-Bauweise nicht so vertraut ist. Und das sind heute die wenigsten Kinder.

Alltagsbezug: 4 von 5 Punkten
Ausgewählt sind definitiv tolle und wirkliche Meilenstein der Technik. Aber ich glaube, dass zum Beispiel Telegraf, Sextant, Normalzeit und Film auf wenig Interesse bei den Schülern stossen würde.

Originalität: 5 von 5 Punkten
Hier gibt es die volle Punktezahl. Ohne Zweifel sind hier ganz besondere Modelle herausgegriffen und bearbeitet worden. Ich wüsste kein vergleichbares Buch.

Bonus/Malus: + 3 Punkte
Für die tollen Ideen und das Zusammenstellen dieses ersten echten „fischertechnik-Buches“ gibt es Pluspunkte. Die volle Punktezahl vielleicht dann, wenn ein weiteres Buch erscheint, dass auch für eine unerfahrenere Zielgruppe noch nachvollziehbar und umsetzbar bleibt.

Gesamt: 21 Punkte

Fazit:
Schade, unter meinem speziellen Blickwinkel schneidet das Buch leider recht schlecht ab. Für (historische) Technikfreunde mit viel fischertechnik im Keller aber ein Musskauf. Wobei ich mir sicher bin, dass diese Personen das Buch alle schon längst im Schrank haben. Denn die – kostenlose – Internetzeitschift ft:pedia für fischertechnik, die beide Autoren maßgeblich bestreiten, ist eine der besten und bekanntesten fischertechnik-Schriften, die es im Moment gibt.